Michael Čakrt.
Ein Nachruf zur Erinnerung
an den tschechischen Komponisten.
Welch große Freude und Rechtfertigung ich empfand, als ich in einer Ausstellung des Photographen und Freundes Václav Havels, Bohdan Holomíček, eine Photographie mit dem nachdenkenden, still an der Orgel sitzenden Michael Čakrt entdeckte!
Und vom Autor des Bildes wurde mit Bleistift dazu geschrieben: "Herr Čakrt ist ein Genie!"
Photos by Bohdan Holomíček
und aus dem Privatarchiv der Familie Čakrt
Die Kindheit und Studienzeit
Michael Čakrt wurde am 15. Januar 1924 in Brno (Tschechien) geboren. Sein Vater, Dr. Michael Čakrt, war als Vorsitzender des Oberlandesgerichtes tätig, seine Mutter Věnceslava, geborene Rosická, arbeitete als Lehrerin und sorgte bei Michael und seiner älteren Schwester Eva für eine zufriedene Kindheit. Die Lehrjahre der Kinder unterbrach das Kriegsgeschehen. Die Ära des Kommunismus, der unmittelbar nach 1948 die Politik des Landes maßgebend bestimmte, beendete vorzeitig die Studienjahre.
In Brno, Dlouhá ulice (Lange Straße), besuchte Michael 1929-34 die Grundschule. Die hatte insgesamt 5 Klassen. Nach der Grundschule setzte er seine Bildung auf dem Staatlichen Tschechoslowakischen Gymnasium fort. Da die Familie aber nach Prag übersiedelte, belegte er die Abiturprüfung 1942 auf dem Jirásek Gymnasium in Prag - mit Auszeichnung. „Nach dem Abitur wurde ich zum Studium der Komposition auf das Prager Konservatorium aufgenommen. In der Zeit der Okkupation wurde der Unterricht 1944/45 in dieser Lehrstelle unterbrochen, also erledigten wir - Studierenden des Konservatoriums - eine Zwangsarbeit als Arbeitsgehilfen der Firma Dorka, einer Genossenschaft für häusliches Kunstgewerbe. Das verlorene Jahr ersetzte ich im Schuljahr 1946/47, in dem ich die letzten zwei Studienjahre zusammenzog. Dadurch beendete ich mein Studium am Konservatorium bereits 1947 mit dem Absolutorium mit Auszeichnung. Zugleich studierte ich seit 1946 an der Prager Akademie der Künste das Fach Musiktheorie. Meine Bildung zu vertiefen und das musiktheoretische Studium zu ergänzen, besuchte ich in der selben Zeit verschiedene Vorlesungen, musikwissenschaftliche und psychologische Seminare an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität, Prag (Absolutorium 1949). Nach dem Staatsexamen mit Auszeichnung im Jahr 1949 beendete ich das Studium an der Prager Akademie (im selben Jahr wurde das Studienfach Musiktheorie mangels der Studierenden eingestellt und soweit mir bekannt ist, wurde es nie wieder erneut eröffnet).“ Auf das Staatsexamen folgte die damals übliche Überprüfung der politischen Tauglichkeit. Aufgrund derselben wurde Michael Čakrt ein weiteres Studium verweigert.

Die Abschiebung nach Falkenau (Sokolov)
Michael wuchs in einem atheistischen Umfeld auf. Die standesamtlichen Urkunden führen den Eintrag „konfessionslos“ bei beiden Eltern. Michaels Vater war zweimal verheiratet. Die erste Eheschließung war kirchlich geschlossen, doch seine Ehefrau verließ ihn und eine zweite kirchliche Trauung wurde nicht erlaubt. Das verursachte seine völlige Ablehnung der kirchlichen Institution. Michael konvertierte zum katholischen Glauben in seiner Prager Studienzeit als er den Orgeldienst in der Kirche in Liboc hielt. Mehrere Jahre war Michael dort als Kantor und Organist tätig.
Im Jahr 1948 ließ sich Čakrt in den Fortbildungskurs für Laienkatecheten einschreiben. In diesem Fach herrschte ein großer Lehrermangel, vor allem in den Grenzgebieten. Die lehrbefähigende Abschlussprüfung belegte er ein Jahr später in 1949. Im gleichen Jahr wurde er allerdings aus Prag verbannt und nach Sokolov (Falkenau an der Eger) zwangsumgesiedelt. Hier hatte er den Auftrag, in Grund- und Mittelschulen zu unterrichten. In der Falkenauer Kirche war er folglich auch als Kantor tätig. In den trostlosen Gegenden der von Industrie und Bergbau geplünderten Grenzgebieten kam es bei Michael zum psychischen Kollaps. Für ein Jahr musste er seine Tätigkeit unterbrechen und einen Kuraufenthalt im Sanatorium antreten. Unter anderem aber auch dank der wachsenden Beziehung mit seiner zukünftigen Frau Marie klang die Krankheit wieder ab.

Lebenszeit in Trutnov

In Sokolov (Falkenau an der Eger) lernte Michael seine Frau Marie, geborene Šišková kennen. Sie wurde von Eger nach Falkenau versetzt. Die Situation an sich, die Ungerechtigkeit und Misshandlung seitens des kommunistischen Regimes verursachten bei Michael schwere psychische Erkrankungen. Er unterbrach die Lehrtätigkeit, um sich zu erholen. Seinen gesundheitlichen Zustand verschlechterte auch die starke Rauchsucht, der er verfiel.
Nach einiger Zeit verbesserte sich seine Gesundheit wieder und nach der Eheschließung mit Marie bewarb sich Michael auf ärztlichen Rat hin um die Stelle der musikpädagogischen Anstalt in Trutnov. Bevor er aber diese Stelle antrat, wurde in demselbem Jahr die Tätigkeit der Anstalt aufgelöst und die meisten Studenten nach Pardubice ins Konservatorium aufgenommen. Deshalb fing Michael an, an der Musikschule in Trutnov zu unterrichten. Aufgrund der Erkrankung des Schulleiters Ludwig Merta wurde Michael aufgetragen, die Führung der Schule zu übernehmen - bis zum Januar 1969 und weiterhin nach dem Tod des Herrn Metra am 20. Februar 1969. Um die Stelle des Schulleiters neu zu besetzen, wurde ein ordentliches Auswahlverfahren ausgeschrieben, in dem sich Michael gegenüber den anderen Kandidaten behaupten konnte. Er wurde zum 1. August 1969 zum Musikschulleiter ernannt, allerdings nur für kurze Zeit. Gleich im nächsten Jahr wurde er von der Funktion wieder herabgesetzt, ohne Nennung konkreter Gründe. Während der Sommerferien wurde Michael bloß durch den stellvertretenden Direktor darüber informiert, mit der Erklärung, es geschehe so, aufgrund der Herausforderungen der jetzigen Situation - 1969 unterschrieb Michael nicht die Einverständniserklärung der Invasion russischer Truppen auf tschechischem Gebiet sowie die Verurteilung der Tat von Jan Palach. Die Mitarbeiter der Schulbehörde in Trutnov versicherten ihm zwar, dass er sein Amt zur vollkommenen Zufriedenheit der Behörde führte, dennoch erhielt er eine schriftliche Amtsaufhebung erst nach erneuter Anfrage, vermittelt durch den revolutionären Gewerkschaftsbund (ROH). Auch dieses Dokument beinhaltete aber keine konkrete Begründung für eine Amtsenthebung. Ein neues Auswahlverfahren für den Posten des Schuldirektors wurde nicht mehr ausgeschrieben.
In Trutnov war Michael nicht nur als Musikschullehrer tätig. Er hatte auch den Posten des Organisten und Kirchenmusikdirektors der hiesigen katholischen Kirche Mariä Geburt inne. Er galt als bester Organist der Region. Dank seiner ergebenen Chorarbeit erzielte er auch mit seinem Kirchenchor wunderbare Ergebnisse, obwohl alle Sänger Musiklaien waren. Čakrts Chor trat zu verschiedenen Festen der Kirchen in Trutnov und Umgebung auf.
In Trutnov kam 1962 Tochter Agáta zur Welt.

Seine Wirkung in Schatzlar
Im Jahr 1973 zogen die kommunistischen Machthaber weitere Konsequenzen und schoben Michael Čakrt von der Musikschule Trutnov nach Žacléř (Schatzlar) ab. In dieser Musikschule arbeitete er fast 20 Jahre. Er war hier als Lehrer für Musiktheorie und Klavier tätig, später gab er auch Gesangsunterricht. 1981 wurden zwei Lehrer, die Eheleute Rajman, pensioniert und damit blieb Čakrt als einziger Lehrer mit fester Anstellung. Die Schule führte 44 angemeldete Schüler, die Verwaltung wurde im selben Schuljahr in die Musikschule nach Trutnov verschoben. Extern unterrichtete in Schatzlar auch Michaels Tochter Agáta. Erst nach langen Verhandlungen mit der zuständigen Bezirksbehörde durften die Eheleute Rajman als Rentner weiter an der Schule Stunden erteilen. Im Jahr 1982 zogen zwei junge Künstler in die Stadt ein: Die Klavierspielerin Jarmila und der Akkordeonist Evžen Zomer. Die brachten viel Begeisterung mit sich und gaben damit Michael neue Energie und neue Impulse für die Lehr- und Künstlertätigkeit. Später kamen auch andere junge Musiker dazu und gemeinsam erhöhten sie das Niveau der Musikschule wieder. Lange Jahre bereicherten sie aktiv das kulturelle Leben in der Stadt. Dieses kreative und kulturvolle Arbeitsumfeld erfreute und ermunterte Michael Čakrt auch noch nach dem Ausbruch seiner Krebserkrankung.
Der Prozess der politischen Rehabilitierung
Im Brief an das Rektorat der Prager Akademie der Künste vom 24.07.1991 beschreibt Michael Čakrt das Geschehen nach der politischen Überprüfung mit den folgenden Worten:
„Im Sinne des Staatsministeriums für Schule und Bildung der Tschechischen Republik (čj. 4.616/90-SM a 6.989/90-SM) teile ich Ihnen mit, dass ich in den Jahren 1946/49 Student der musikalischen Fachrichtung der Akademie der Künste war. Nach 4 Semestern trat ich zum regulären Staatsexamen an (Fach Musiktheorie) und am Ende des fünften Semesters wurde ich nach der damaligen politischen Überprüfung vom Studium entlassen, das Studienbuch wurde mir entnommen und mir damit der Zugang auf den akademischen Boden sowie ein weiteres Studium verweigert. Eine schriftliche Bekanntmachung, geschweige denn eine Erklärung darüber, habe ich nie erhalten. Ich nehme jedoch an (vermutlich berechtigt), dass es wegen meiner öffentlich und frei vertretenen religiösen Überzeugung, für meine Mitgliedschaft im „Verein der Volksakademiker“ und auch wegen meiner „bourgeoisen Herkunft“ war. Mein Vater Dr. Michael Čakrt war als Präsident des Obersten Gerichts tätig.
Allgemeine Erklärung war damals, dass diese politischen Prüfungen auf der Grundlage der Studienergebnisse erfolgten. Das einzige Dokument, das ich über diese Zeit noch vorlegen könnte, bezeugt aber genau das Gegenteil. Das Zeugnis des ersten Staatsexamens vom Vorjahr beinhaltet diese Zensuren: Musiktheorie - ausgezeichnet, Psychologie der Musikkunst - ausgezeichnet, Gesamtbewertung - Bestanden mit Auszeichnung. Dieses Zeugnis Nr. 13 wurde am 19. Juni 1948 ausgestellt, unterschrieben vom Dekan Metod Doležil, als Examinatoren Pavel Bořkovec, Dr. B. Liebsch und Karel Janeček. Da es das einzige Dokument aus dieser Zeit ist, möchte ich es dennoch nicht auf dem Postweg (auch nicht per Einschreiben) senden, bin aber bereit, es persönlich in Ihrem Rektorat vorzulegen.
Die unterschriebenen Künstler sind heutzutage fast alle nicht mehr am Leben, ebenso wie viele meiner damaligen Kommilitonen (M. Munclinger, R. Drejsl), über die meisten anderen weiß ich nichts. Der einzige mir bekannte Zeuge ist derzeit meine Schwester Eva Čakrtová, übrigens damals nach den Überprüfungen ebenfalls vom Studium an der Philosophischen Fakultät entlassen.
Da ich die damalige Entlassung als ungerecht und gesetzeswidrig betrachte, bitte ich Sie nun, falls es möglich ist, diese zu annullieren und mich zu rehabilitieren. Gleichzeitig bitte ich (ohne zu wissen, ob es eine praktische Folge haben kann) um eine Bestätigung für die Rentenversicherung."

Die Krankheit und das Lebensende
Sieben lange Jahre litt Michael Čakrt an einer Krebserkrankung am Kiefer. Diese wurde „zufällig“ durch den Zahnarzt gefunden und am Klinikum in Trutnov behandelt. Karel Müller, ein langjähriger Freund von Michael Čakrt, arbeitete am Klinikum und setzte sich mit all seiner Kraft dafür ein, dass die Erkrankung stabilisiert, gar kurzzeitig abgewendet wurde. Zweimal kam sie aber wieder, zum zweiten Mal auch definitiv. Laut der Aussage seiner Frau Marie setzte sich die Krankheit dort durch, wo immer die Zigarette ihren Platz hatte.
Michael Čakrt starb am 25. Juni 1997 im Krankenhaus in Trutnov im Kreis seiner Familie.
Photos by Bohdan Holomíček
und aus dem Privatarchiv der Familie Čakrt